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asianfilmweb • Interviews • Jude Poyer
INTERVIEWS • JUDE POYER



Jude Poyer ist gebürtiger Brite, liebt Hong Kong Filme und betreibt Kampfsport. 1996 erfüllte er sich seinen Traum und flog nach Hong Kong, um dort als Stuntman und Nebendarsteller arbeiten zu können. Schon 1997 konnte er seine ersten Rollen als Stuntman und Kleindarsteller in Produktion wie DOWNTOWN TORPEDOES verzeichnen. Seitdem ist er ein gefragter Gwailo (Ausländer) in Hong Kong Filmen. Folgend ein Interview von asianfilmweb, geführt im August 2000.

Lass uns mit ein wenig Hintergrundinformationen über dich beginnen. Was für Kampfsport-Erfahrung hast du und wie kamst du dann als Brite mit der Hong Kong Film Industrie in Verbindung?


>> 1986, als gerade die Ninjafilme im Trend waren, begann ich mit meinem Kampf- sporttraining <<

1986, als gerade die Ninja Filme voll im Trend waren, begann ich mit meinem Kampfsporttraining. Ich habe mir vorher alle diese Sho Kosugi Filme angeschaut. Begonnen habe ich mit dem Training von Shotokan Karate und nachher dann auch ein wenig Judo. Über die Jahre dann schaute ich mir immer mehr Action- und Martial-Arts-Filme an. Ich bekam Interesse an dem Schauspielern und belegte einige Kurse in Großbritannien. Um es kurz zu machen; ich wollte schon seit langer Zeit als Schauspieler und Stuntman arbeiten. In Großbritannien konnte ich schon ein paar Sachen in dieser Richtung machen, wollte es aber auch einmal in Hong Kong versuchen, wo meiner Meinung nach die beste Action in Filmen gemacht wird. Ich war mir auch sicher, dass ich als Darsteller/Stuntman besser in der Hong Kong Film Szene aufgehoben wäre, mit meinen 1,52 Meter und 66 Kilos, was nicht gerade die Maße des typischen muskulösen 1,85 Meter Actionheld sind. Wie auch immer, im August 1986 bestieg ich das Flugzeug nach Hong Kong, um mir meinen Traum zu erfüllen.

Ich kann mir vorstellen, dass es nicht gerade einfach ist als Ausländer in Hong Kong zu arbeiten. Da wären zum einen die Sprachbarrieren und auch die nicht gerade als komfortabel geltenden Arbeitsbedingungen in Hong Kong. Sprichst du kantonesisch?

Ich kann kantonesisch sprechen und verstehen - sicherlich nicht perfekt, aber es gab schon einige Male Situationen, wo ich zu einem Set kam und kein Mensch konnte ein Wort englisch, wobei mir mein kantonesisch weiterhalf. Auch ist es so, dass je besser mein kantonesisch wird (es gibt noch viel Raum für Verbesserung), ich das Gefühl habe, von meinen Mitarbeitern mehr Vertrauen zu bekommen und allgemein eine entspanntere Atmosphäre herrscht - ich werde besser akzeptiert. Zum Beispiel kämpfte ich vor ein paar Wochen für einen neuen Film mit einem anderen westlichen Darsteller, wobei ich für die Stuntleute als Übersetzer fungierte. Um auf die Arbeitsbedingungen sprechen zu kommen, es ist kein Picknick Actionfilme in Hong Kong zu machen und jemand der nach Hong Kong kommt um dies tun zu wollen, sollte keine spezielle "Star-Behandlung" erwarten. Als Stuntman wird man als gleichwertiges Mitglieder der Crew angesehen, und die Crew ist dazu da, um den Film fertigzustellen. Komfortable Wohnwagen oder großartige Buffets sollte man da nicht erwarten. Ich persönlich finde auch nichts an diesem luxuriösen Komfort für die Crew der US-Filme. Ich lege mehr Wert darauf mit ähnlich motivierten Leuten zu arbeiten und etwas dynamisches und einzigartiges zu schaffen. Das bedeutet manchmal halt jeglichen Komfort zu vergessen, oder manchmal aber auch, nach jedem Take mit eiskaltem Wasser wieder fit gemacht zu werden, nachdem man mit einem Tritt an den Kopf getroffen wurde. Ich beschwer mich aber nicht...


MIT JEAN-CLAUDE VAN DAMME IN KNOCK-OFF

MIT JET LI IN HITMAN

MIT YUEN BIAO IN A MAN CALLED HERO
Du kannst als Stuntman oder in kleinen Rollen in einigen der neusten Hong Kong Action Filme gesehen werden. Wie kommst du an die Rollen?

Die meisten meiner Rollen bekam ich durch Castings (wenn es sich um eine Darsteller-Rolle handelte) oder meine Bekanntschaft mit den verschiedenen Action-Choreographen (bei Stuntarbeiten). Hong Kong ist eine kleine Stadt und die Filmindustrie ist an sich auch recht klein. Jeder kennt jeden, und nach vier Jahren kennen mich auch einige Regieassistenten, Casting-Leute und die Leute aus der Stunt-Community. Viele Filme haben schon so eine Art "Familien-Gefühl" an sich, mit der kleinen Zahl an Leuten, die daran arbeitet und dann auch zusammen die nächsten Projekte in Angriff nimmt. Nun kommt es auch schon vor, dass ich an Filmen arbeite, weil der Regisseur explizit nach mir gefragt hat. So habe ich schon zwei Filme für Andrew Lau und zwei für Aman Cheung gemacht. Ich hoffe das bleibt auch so!

Du hast ja schon in Filmen mitgemacht, an denen Namen beteiligt waren, die jedem Hong Kong Film Fan das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Tsui Hark, Jet Li, Michelle Yeoh, Yuen Biao etc. Konntest du jemanden schon näher kennenlernen?

Ja und nein. Für A MAN CALLED HERO zum Beispiel reiste ich mit Yuen Biao nach China, wo wir zwei Kampfszenen zusammen drehen mussten. Wir übernachteten beide im gleichen Hotel, was natürlich besser hilft jemanden kennenzulernen, als mit den Leuten an einem vollen und stressigen Hong Kong Set. Dazu möchte ich noch sagen, dass Biao ein sehr freundlicher Kerl ist, mit dem es einfach zu arbeiten und lustig zu unterhalten ist. So habe ich das bisher aber eigentlich nur bei allen Leuten erlebt, da die Hong Kong Stars sich bei Dreharbeiten nicht so wie "Stars" benehmen. Yuen Biao, Michelle Yeoh, Ken Lo, Daniel Wu - sogar Van Damme - waren alle sehr nett.

Wie sieht es mit deiner Zukunft aus? Möchtest du weiterhin als Stuntman und Kleindarsteller arbeiten oder wünschst du dir vielleicht sogar mal eine Hauptrolle?

Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ich irgendwann mal ein "Star" in Hong Kong sein könnte, trotz etwas längerer Szenen in A MAN CALLED HERO und FIST POWER. Ich bin nun mal aus dem Westen und die Leute in Hong Kong sind noch nicht ganz so weit mit der Akzeptanz von in Hong Kong lebenden Kaukasiern als Stars. Dennoch habe ich gerade an einer Geister-/Liebesgeschichte mitgemacht, in der ich nur schauspielern musste. Keine einzige Kampfszene, d. h. ich musste keinen mit "Chinese Pig" beschimpfen oder Nudeln aus meiner Nase prusten. Ich hatte eine Rolle, die ebenso gut für einen Chinesen geschrieben werden konnte. Das hat mich doch sehr gefreut. Aber ich glaube daran, was Bruce Lee gesagt hat: "das Wort Star ist eine Illusion". Ich bin ein Schauspieler und ein Stuntman. Leute wie z. B. Anthony Wong betrachten sich auch mehr als Schauspieler. Zum Star werden sie erst durch die Zuschauer gemacht. Ich spiele gerne die wesentlichen Parts als Bösewicht und ich spiele gerne die kleineren Rollen. Ich spiele gerne in lokalen TV Serien und ich bin gerne der anonyme Stuntman, der mit verdecktem Gesicht oder als Double arbeitet. Ich mag einfach die Herausforderung, die meine Arbeit mit sich bringt. Sollte ich mal irgendwann berühmt werden, möchte ich das auch verdient haben. Berühmtheit ohne kreative Herausforderungen kreatives Wachstum empfinde ich als redundant. Wenn ich eines an Hong Kong's Entertainment Szene mag, dann ist es die Akzeptanz von Stunt Leuten als Entertainer in ihrer weiteren Karriere. Blackie Ko oder Chin Kar-Lok sind hier dauernd in den TV Spielshows zu sehen. Zum Glück habe noch einige Jahre vor mir. Ich weiß nicht wohin mich meine Karriere bringen wird. Werde ich in Hong Kong bleiben, in die Staaten gehen oder nach Großbritannien zurückkehren? Ich weiß es nicht und ich mache mir auch keine Gedanken darüber. Was ich weiß, ist das, was ich hier in Hong Kong mache mir Spaß macht und ich hier einiges in Sachen Schauspielen und Filme-Machen lernen kann.


MIT JACKIE CHAN BEI DER PK VON HONEY, I LOVE YOU

"THE UNKNOWN STUNTMAN" - SZENE AUS HONEY, I LOVE YOU

A MAN CALLED HERO - JUDE WIRD IN DIE LUFT GEJAGT...

...UND ANSCHLIESSEND IN BRAND GESTECKT. DAS LEBEN EINES STUNTMAN.
Was hältst du von der Tatsache, dass Hong Kong Action Filme immer mehr ihren US-Gegenstücken gleichen. Scheinbar wird auch in Hong Kong der Griff in die Trickkiste mit Hilfe von Computer-Effekten immer wichtiger. Man kann schon einen Riesenunterschied zwischen neueren Actionfilmen wie z. B. DOWNTOWN TORPEDOES und denen aus den 80er Jahren, wie z. B. die IN THE LINE OF DUTY-Reihe, sehen.

Tatsächlich empfinde ich es als eine Schande zu sehen, dass der Typ von Actionfilmen mit denen ich aufgewachsen bin und die ich sehr mochte, scheinbar zu veraltet für das jetzige Hong Kong sind. Es gibt verschiedene Gründe dafür, wobei die wirtschaftlichen den Großteil ausmachen. Gerade jetzt, wo der Markt der Hong Kong Filme so schlecht läuft, nehmen Produzenten ungern das Risiko auf unbekannte Martial Arts Talente zu casten. Stattdessen werden beliebte Pop-Stars genommen, die eine gute Zuschauerzahl schon fast garantieren. Selten sind die Pop-Stars aber in Kampfsport erfahren. Es ist nicht so, dass ich Filme wie DOWNTOWN TORPEDOES oder HOT WAR in denen Tung Wai Jordan Chan oder Ekin Cheng wie überzeugende Kämpfer aussehen lässt, nicht mag, aber ich würde mir wünschen, dass es auch mehr Filme gibt, die die Talente von so Leuten wie Chiu Man-Cheuk oder Fan Siu-Wong zeigen. Der Gebrauch von Computer Effekten ist meiner Meinung nach schon nötig, auf jeden Fall müssen die Hong Kong Film-Leute lernen sich damit auszukennen. Das ist nicht nur wichtig, weil die von Hollywood Blockbustern geblendeten Zuschauer in Hong Kong den Einsatz von Computer-Effekten als Qualitätsmerkmal ansehen, sondern auch, weil der richtige Einsatz dieser Technologie das Filmerlebnis steigern können. Es ist schon recht cool anzusehen, wie Ekin Cheng in THE STORMRIDERS einen Drachen bekämpft, aber ich bin mehr interessiert wie Bruce Law die Sicherheitskabel der Stuntmen, die in EXTREME CRISIS von einem Gebäude fallen, digital entfernt. Sicherlich ist es so, dass sich Hong Kong Film oft an Hollywood Filmen anlehnen, aber ich glaube das beruht auch auf Gegenseitigkeit. Schau dir nur mal an, wieviel Wesley Snipes' THE BLADE von dem Typ von Action borgt, den ich auch mag.

>> Wenn ich eines an Hong Kong's Entertainment Szene mag, dann ist es die Akzeptanz von Stunt-Leuten als Entertainer in ihrer weiteren Karriere <<

Bitte zähl uns ein paar deiner Hong Kong Film Favoriten auf. Ich weiß es ist eine schwere Aufgabe, aber für den Leser auch sehr interessant.

Das ist wirklich eine schwere Aufgabe! Ich habe buchstäblich hunderte von Tapes und Discs zuhause. Favoriten zu nennen ist schwer, da ich so viele gut finde. Ich zweifle aber daran, dass irgendein Film der letzten Jahre (oder einer, an dem ich beteiligt war) auf meiner "Best Of" Liste steht. Es gibt da die offensichtlichen Sachen, wie z. B. POLICE STORY oder HARD BOILED. Von den moderneren Sachen bin ich besonders von den Filmen begeistert, die Sammo Hung und Yuen Biao in den spätern Achtzigern und den frühen Neunzigern gemacht haben, wie z. B. PEDICAB DRIVER, ICEMAN COMETH, RIGHTING WRONGS oder EASTERN CONDORS. Wenn ich mal von der Realität abschalten will, schaue ich mir gerne Filme wie Ching Siu Tung's DUEL TO THE DEATH an. Ich muss aber zugeben, dass ich eigentlich die traditionellen Kung Fu Filme den modernen Actionfilmen vorziehe. Vielleicht kommt es daher, weil sie noch so richtig anders, halt "chinesisch", sind und auch weil ich weiß, dass ich nie so gut werden kann, solch eine Choreographie selbst zu durchlaufen. Filme wie Lau Ka-Leung's INVINCIBLE POLE FIGHTER oder DIRTY HO unterhalten und verblüffen mich immer wieder. Ich liebe auch Filme mit einer guten Dosis an "Bootwork". Beispiele dafür sind DRUNKEN MASTER II, THE LEG FIGHTERS und SECRET RIVALS.

Kannst du uns etwas über deine nächsten Projekte sagen? Mit wem würdest du dir eine Zusammenarbeit in der Zukunft wünschen?

Ich spreche nie davon, was kommen wird, weil ich es in Wahrheit selber gar nicht weiß. Man weiß nie an was man in Hong Kong arbeiten wird, solang man nicht wirklich daran arbeitet. Es kann vorkommen, dass ich einen guten Job versprochen bekomme, dann aber am nächsten Tag schon eine Absage bekomme, bevor der Vertrag unterschrieben werden konnte. Es ist so ähnlich, wie sie es beim Boxen sagen: "Der Schlag, der dich trifft, ist der, den du nicht kommen siehst". Einige der besten Jobs kamen völlig überraschend. Dieses Jahr spielte ich den Bösewicht in einem neuen interaktiven Film für Sega, der mich nach Italien und die Philippinen führte. Es war ein japanisches Projekt, keine Hong Kong Produktion. Ich kann mich schon glücklich schätzen mit (oder wenigstens für) einigen der großen Namen gearbeitet und Schläge und Tritte mit einigen der größten Martial Arts Stars gewechselt zu haben. Ich will damit nicht sagen, dass ich nicht wieder mit ihnen zusammenarbeiten möchte. Mit einigen Action-Regisseuren, wie Yuen Tak oder Bruce Law möchte ich in Zukunft mehr machen. Es gibt auch Leute mit denen ich vorher schon gearbeitet habe und ich gerne die Chance hätte mit ihnen nochmals zusammenzuarbeiten, weil ich glaube, dass sie sich als Regisseure profilieren werden. Dazu gehören z. B. Chris Doyle und Raymond Yip Wai-Man. Letztendlich bin ich aber glücklich, solange ich beschäftigt bin und mit meiner Arbeit herausgefordert werde, mit talentierten und ähnlich motivierten Leuten arbeiten kann, dafür noch Geld bekomme (!) und ich gesund bleibe.

Vielen Dank Jude für deine Zeit. Ich wünsch dir auf jeden Fall alles Gute für die Zukunft.


 
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